Ich habe die Qual der Wahl, welches Masterarbeits-Thema ich mir aussuchen möchte. Ein Träumchen wäre dabei, fast sämtliche Interessen (Nachhaltiges Wirtschaften, Transparenz, Partizipation, Soziale Innovationen, Digitalisierung) von mir unter einen Hut stecken zu können. An meiner Uni Oldenburg gibt  es zurzeit das Projekt eCOInnvateIT, welches mir hierfür vielleicht Raum bieten könnte. In meinem Mittelpunkt: Plattform-Kooperativen, also eine Art Genossenschaft für digitale Inhalte.

Warum nicht Altes und Neues zusammenbringen?

Und das ist die Vorhabenskizze dazu, die ich (leicht verändert) an die Verantwortlichen geschickt habe.

Beschreibung:

Plattform-Kooperativen (PK) sind ein relativ neues Konzept (2014), welches als Antwort gegen Missstände neuer digitaler Plattformen, insbesondere der erweiterten Sharing-Economy, gesehen werden.  Die zwei prägenden Gestalten, Trebor Scholz und Nathan Schneider, plädieren für eine Demokratisierung von digitalen Angeboten, indem der Nutzer Teil des Unternehmens ist. Dabei sind sie nicht einfach nur Shareholder (shared ownership), sondern entscheiden mit über das Schicksal der Plattform (shared governance). Das Modell erinnert zurecht an die in Deutschland weit verbreiteten Genossenschaften, deren Idee nun praktisch digitalisiert wird.

Ausgerufene Prinzipien sind neben dem gemeinsamen Besitz, auch Einkommenssicherheit, Transparenz, Verbot von exzessiver Überwachung am Arbeitsplatz oder gemeinsam festgelegte Arbeit. Damit reagierten Scholz und Schneider in ihren ersten Publikationen direkt auf die Auswüchse der zur Sharing Economy zugeteilten Plattformen wie AirBnB (Verknappung des Wohnmarktes) und Uber (Ausbeutung der Fahrer). Kooperativen entstehen zurzeit weltweit, in Deutschland ist vor allem Fairmondo, ein fairer Online-Marktplatz, zu nennen. Dieser warb für sein Modell unter dem Begriff Genossenschaft 2.0 . Weitere Beispiele sind Resonate (Musik-Streaming), Stocksy (Stock-Fotografie-Anbieter), FairBnB oder Loconomics (Plattform für Freelancer-Aufträge).

Bedeutung:

Das Konzept der Plattform Kooperativen ist noch sehr jung. Vordenker können vor allem in dem Buch „Ours to Hack and to Own. The Rise of Platform Cooperativism, A New Vision for the Future of Work and a Fairer Internet” gefunden werden. Die Idee findet vor allem Anklang bei Unterstützern des Sharing-Ansatzes sowie von Peer-to-Peer-Modellen. Es gehören jedoch auch die deutschen Gewerkschaften Ver.di und IG Metall zum „Founding Cluster“. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung ermöglichte Trebor Scholz seine Idee in einer größeren Publikation zu verbreiten.

Viele der Plattform-Kooperativen befinden sich erst am Anfang ihrer Entwicklung, sie sind vor allem in ihren finanziellen Ressourcen stark begrenzt. Jedoch hat wohl kein Unternehmen den Wunsch, das nächste Internet-Einhorn zu werden, sondern eine faire Alternative zu existierenden Geschäftsmodellen anzubieten. Nichtsdestotrotz entwickelt sich ein eigenes Ökosystem (oftmals ersichtlich durch die URL-Endung .coop), samt Crowdfunding Plattform speziell für Coops (Seedbloom) und Tools.

Auf „Platform Cooperatives Conferences“ oder Festivals tauscht sich die stark internationalisierte Szene aus. Ein Thema ist dabei beispielsweise, inwiefern die Blockchain-Technologie im Sinne der Kooperativen nutzbar gemacht werden könnte. Auch die Idee Twitter zu einem demokratischen Medium zu verwandeln wird unter #buytwitter diskutiert. Medienpartner sind Plattformen wie Shareable oder Ouishare.

Passung zu eCoInnovateIT:

Aus den im Internet ersichtlichen Informationen des Projekts „Nachhaltiger Konsum von Informations- und Kommunikationstechnologie in der digitalen Gesellschaft – Dialog und Transformation durch offene Innovation“  stelle ich fest, dass ein Bestandteil davon ist,  „unterschiedliche Akteure (Unternehmen, Konsumenten, Politik) integrativ an der Ausgestaltung nachhaltigerer Produkte, Dienstleistungen, Geschäftsmodelle und gesetzlicher Rahmenbedingungen zu beteiligen“. Diesen Wunsch verspüren auch PKs. Es ist jedoch schwer, dieses Konzept einer Nachhaltigkeitsstrategie unterzuordnen, da alle drei Maßnahmen im Idealfall innerhalb des Prozesses angesprochen werden. Bei den Nachhaltigkeitsdimensionen wird vor allem auf den sozialen Aspekt Wert gelegt.

Im Gegensatz zu Produkt- oder Produkt-Service-Innovationen steht eben jener Prozess im Vordergrund des Innovations-Forschungsinteresses. Die Einordnung zum Konzept der Open Innovation gestaltet sich weiterhin als eine Herausforderung, da aus meiner Sicht Publikationen davon ausgehen, dass Stakeholder zwar zur Innovation beitragen können, die Grenzen zwischen internen und externen Stakeholder aber weiterhin starr bleiben. Plattform-Kooperativen als innovative Organisationsform hinsichtlich ihres Nachhaltigkeitspotenzials zu untersuchen könnte ein Versuch sein, dies zu durchbrechen und Grenzen der konventionellen Open Innovation aufzeigen. Ergebnisse könnten PKs gerade für kleine oder junge Internetunternehmen, welche sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben, interessant werden lassen.

Konkretes Vorhaben:

Ich möchte qualitative Interviews mit Repräsentanten von Plattform-Kooperativen durchführen und analysieren, inwiefern Nachhaltigkeitsstrategien und -dimensionen in der Entwicklung des Geschäftsmodells eine Rolle gespielt haben bzw. spielen. Dies kann sich entweder auf Deutschland beziehen (z.B. Fairmondo, the Changer, WeChange, Resonate, Seedbloom, Brabbl), oder für eine größere Auswahl einen internationalen Charakter haben. Bei letzterem ist jedoch fraglich, inwiefern ein kultureller Bias Ergebnisse verzerrt. Pro PK könnte zunächst einer der Initiatoren befragt werden, als auch auf Empfehlung ein Mitglied, welches erst später hinzugekommen und durch Nachhaltigkeitsvorschläge aufgefallen ist. Dies ermöglicht den Erfahrungsvergleich zweier Perspektiven und bildet die Möglichkeiten und Grenzen verschiedener Rollen ab.

Mögliche Erkenntnisse könnten sein, dass Kooperativen durch ihren alternativen Organisationsansatz ohnehin für Nachhaltigkeitsthemen eher sensibilisiert sind. Dabei wird wohl vor allem die ökonomische und soziale Nachhaltigkeit hervorgehoben werden. Ein Faktor könnte soziales Vertrauen sein. Dann dürfte es interessant sein, inwiefern der Kompromissprozess zwischen dem hohen Anspruch der Mitglieder und der Notwendigkeit des finanziellen Erfolgs ausgesehen hat, also der Frage nachgehen was Treiber und Hemmnisse im Innovationsprozess waren und wie damit umgegangen wurde. Es wäre als theoretisches Resultat zu begrüßen, wie PKs in den Bereich der Open Innovation einzugliedern sind und Stärken wie Schwächen herauszuarbeiten, sowie weiteres Forschungspotenzial zu identifizieren.

Dies könnte ein wertvoller Beitrag sein für die wissenschaftliche Aufarbeitung zu dem Thema der Plattform-Kooperativen sein, dessen Feld noch größtenteils unbestellt ist.

Persönliche Motivation:

Ich mache mir seit längerem Gedanken zum Thema Unternehmenstransparenz und die Bedeutung für die Nachhaltigkeit. Genossenschaften sind vielleicht die transparenteste Form von Organisationsformen, da jede Person, die Mitglied werden kann, hinter die Kulissen des Unternehmens genommen wird und ein Recht auf Information hat. Als Fairmondo (damals noch Fairnopoly) gegründet wurde, fand ich die Idee faszinierend, das Konzept in die digitale Welt zu bringen und wurde dort Genosse. Die Bewegung dahinter habe ich jedoch erst spät erkannt, wohl vor allem durch einen Vortrag von Trebor Scholz auf der Republica 2016.

Seitdem befindet sich das Thema auf meinem Masterarbeits-Zettel. Ich sehe zwar einerseits das Potenzial der Idee, jedoch auch die Herausforderungen insbesondere für GründerInnen (Unsicherheit, Finanzierung Abstimmungsprozess, etc.).

UPDATE (23.06.2017): Mittlerweile ist noch ein anderes Thema aufgekommen, dass sich mit den Voraussetzungen für ein Social Entrepreneurship-Ökosystem in Städten beschäftigt. Dazu später mehr in einem eigenen Eintrag.

Nachhaltigkeitspotenzial von Plattform-Kooperativen

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